GRIVEC BROS @ HERITAGE POST

Zwei Brüder auf dem Weg der Jeans
Text • Stefanie Kobayashi | Fotos • Grivec Brothers

Ihre Familiengeschichte liest sich wie der amerikanische Traum zu Zeiten des Goldrausches – nur an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit: Großvater Jozef Grivec verließ den Süd-osten Sloweniens im Jahr 1932, um im Süden Limburgs, der niederländischen Kohleregion, sein Glück zu finden und eine neue Zukunft für seine Familie aufzubauen. Kerkrade, unweit der deutschen und belgischen Grenze, hatte sich zu einer der größten Bergbaustädte entwickelt und Jozef – sowie auch später seine Söhne – fanden dort eine Anstellung in den Minen. Nurder jüngste Sohn René versuchte sein Glück auf andere Weise: In den 70er Jahren begann er amerikanischen Denim zu importieren und zog von Tür zu Tür, um die Jeans zu verkaufen – die „heavy duty“ Arbeitskleidung, die sich schon etwa hundert Jahre zuvor in Amerika bewährt hatte. Zusammen mit seiner Frau eröffnete er 1976 den ersten Multi-Brand Denim Store im Stadtteil Chevremont von Kerkrade, dem noch weitere elf Geschäfte folgten. Ihre Zwillingssöhne Marcelund Roger wuchsen hier zwischen Lee, Levi’s und Wrangler auf, halfen ihren Eltern im Laden und erlebten tagtäglich die Begeisterung für den blauen Stoff. Doch sie hatten für ihre Zukunft ein anderes gemeinsames Ziel: Sie wollten zu den Special Forces der Royalen Niederländischen Armee. Als es dann endlich soweit war, kam alles jedoch ganz anders. Ihre, in diesem „platten“ Land, eher ungewöhnliche Begabung fürs Skifahren – sie waren sogar im niederländischen National-jugendteam – hatte ihnen den Weg geebnet zu den begehrten Posten. Doch ihr Vater war strikt dagegen, dass seine Söhne zu Marionetten des Staates werden wollten. Und es kam noch bunter. Als die beiden gerade 18 Jahre alt waren, verließ der Vater die Familie und hinterließ einen Haufen Schulden. Die Übernahme der fünf noch übrigen Geschäfte war die einzige Möglichkeit für Marcel und Roger, schlimmeres Übel abzuwenden und so kamen sie eher unfreiwillig zu dem, was sie heute umso mehr lieben und schätzen.


Die noch mangelnde Erfahrung in der Führung eines Geschäftes, machten die beiden mit ihrer Leidenschaft für Denim und die Beobachtungen aus ihrer Jugend wett, fokussierten sich allerdings auf den einen Store in ihrer Heimat, in Chevremont. Sie entwickelten schnell ein Gespür für den Jeansmarkt und erkannten das Potential in aufstrebenden Marken jener Zeit wie G-Star, Diesel, Replay et cetera. Das „Jeanspalais“ unter ihrer Leitung wurde schon bald zu einer Institution des Raw Denim. „Dry till you die“ wurde zum Lebensmotto der Zwillinge, die natürlich immer in Jeans anzutreffen sind, die sie mit viel Geduld eintragen, bis sich ihr eigenes Fading zeigt. Die Brüder begannen 2009 einen Jeans-Reparaturservice anzubieten. Doch das war ihnen bald schon nicht mehr genug. Nach zwanzig Jahren des Verkaufens von Denim begannen sie von einer eigenen Jeans zu träumen. Sie entschieden sich, die Kunst der Denimherstellung selbst zu erlernen: Autodidaktisch brachten sie sich bei, vom Schneiden über das Nähen bis hin zum Nieten, eine Jeans komplett selbst anzufertigen. Ein neues Abenteuer begann. Wie würde eine Jeans aussehen, die in hundert Jahren von Denim-Enthusiasten aus einer Mine in Chevremont geborgen werden würde? Was würde das Stitching und Etikett über ihre Macher verraten? Dank der Hilfe des überaus talentierten Grafikers Boy Bastiaens war der Markenname schnell gefunden. Er brachte Marcel und Roger davon ab, ihr Motto zur Marke zu machen, stattdessen ihre Persönlichkeit, die sie ohnehin in dieses Projekt stecken würden, auf den Punkt zu bringen und gleichzeitig auch an die Entstehungsjahre der Jeans zu erinnern: Grivec Bros– wie sie auch vorher schon häufig genannt wurden – wurde zum Markennamen. Vor vier Jahren im März war es dann endlich soweit: Cool Pete – eine Jeans, ganz nach ihren eigenen Vorstellungen, war fertig, um für die Kundschaft produziert zu werden. Durch die vielen Reparaturen in der Vergangenheit wussten sie genau, wo die Schwachstellen einer Jeans sind und was sie besser machen würden, wie zum Beispiel die verlängerten Gürtelschlaufen. Obwohl Cool Pete auf den ersten Blick recht schlicht daher- kommt, stecken viele kleine Details in der Hose, wie zum Beispiel das „triangle“-signature Stitching auf den Gesäßtaschen, das in einem Zug aufgenäht werden muss und keine Unachtsamkeiten verzeiht, oder der Lederpatch: Die Zwillinge hatten solch robustes Leder als Schultaschen und dachten aufgrund der Prägung, es wäre ein ganz besonderes Leder – und genau das sollte es sein. Keiner konnte ihnen bei ihrer Suche weiterhelfen, bis jemand bei einem Lederlieferanten das Gespräch zufällig mithörte, tatsächlich noch die originalen Prägeplatten hatte und sie bereitwillig zur Verfügung stellte. Ein schöner Wink des Schicksals. Die Knöpfe im Hosenschlitz sind eine Hommage an die 13-Sterne-Knöpfe, wie sie – ursprünglich von den US-Marine-Uniformen – wegen Materialknappheit während des Zweiten Weltkriegs auch bei amerikanischen Mail-Order Jeans verwendet wurden.

Den Selvedge-Denim beziehen die Brüder von den besten Webereien in Japan und selbst die Verpackung der Jeans erzählt eine Geschichte: Eingeschlagen in den klassischen Grubentüchern der Bergarbeiter, wird die Verbindung zu Chevremont und der Familie der Grivec Brothers hergestellt. Nun musste nur noch ein passender Produzent gefunden werden. Doch als kleine Marke die Produktion in ausgesuchte, aber eigentlich fremde Hände zu geben, erwies sich dann doch als überaus schwierig. Erste Station war Portugal, allerdings hatten da die großen Marken natürlich immer Vorrang und so war es geradezu unmöglich, Liefertermine verbindlich zuzusagen. Als die Grivec Bros sich Produktionsstätten in Italien anschauten, wo auch namhafte andere Jeanshersteller produzieren lassen, traf sie glatt der Schlag: „Made in China – in Italy“ beschreibt es am neutralsten. Natürlich gibt es auch andere Hersteller in Italien, wo beispielsweise das Modell „Locker“ zu anständigen Konditionen und Bedingungen gefertigt wird. Für ihre Jeans aber fassten die Grivec Bros den Entschluss, die Produktionkomplett selbst in die Hand zu nehmen und nach Chevremont in die Niederlande zu holen. Zusammen mit vier Mitarbeitern fertigen sie mittlerweile die Modelle Hower, Bricker, Cool Pete auf einem Sammelsurium an speziellen Nähmaschinen und verkaufen sie zu einem mehr als fairen Preis in der Raw Denim Welt. Nebenbei fertigen sie auch im Auftrag oder in Kooperation für andere Jeansmarken oder auch mal ein Sondermodell für die Heritage Post, welches es im THP-Onlineshop gibt. In dem Geschäft und Denim-Atelier in Chevremont kann Mann hautnah miterleben und zusehen, wie die gute Jeans hergestellt wird, die natürlich vor Ort auch direkt probiert und gekauft werden kann. Marcel und Roger beraten und erzählen dabei gerne, von ihrem spannenden Gang auf dem Weg der Jeans.

 

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